Mogelpackung Riesterrente

Am 10. Januar berichtete das ARD-Magazin ‚Monitor‚ kritisch über die Riesterrente und entlarfte sie als das, was Experten schon lange wissen und worauf Verbraucherschützer schon seit Jahren hinweisen: Diese vom Staat massiv beworbene Form der Altersvorsorge ist in vielerlei Hinsicht eine Mogelpackung.

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Moderatorin Sonia Mikich:
„Willkommen und gleich zu Anfang eine wenig bekannte Sachlage. Wie Sie wissen werben Banken, Versicherungen und natürlich die Politiker mit der Riester-Rente. Auch für gering Verdienende soll sich das lohnen. Im Alter gibt es dann auf die schmale staatliche Rente etwas oben drauf. Leider nicht ganz so einfach. Was selbst Experten nicht wissen: wer Pech hat, der spart mit seinem Riester-Vertrag nicht für den eigenen Lebensabend, sondern fürs Sozialamt.

Ingo Blank und Dietrich Krauß untersuchen die Zahlen – und auch die maue Beratung der Anbieter der Riester-Renten.“

Werbespot der Bundesregierung:
„Hallo, schon mal was von der Riester-Rente gehört?“
„Ja! Die soll ja die langfristig vorgesehene moderate Absenkung des Rentenniveaus der zukünftigen Rentner in der gesetzlichen Rentenversicherung kompensieren. Ich „Riester“ jetzt auch!“

Auch Kirsten Fromm hat der Werbung geglaubt, mit einer Riester-Rente könne sie nichts verkehrt machen. Wegen der Kinder arbeitet die 42-jährige Teilzeit. Aber die 20 Euro für die Riester-Rente hat sie trotzdem jeden Monat auf die Seite gelegt, auch wenn es ihr häufig schwer fiel.

Kirsten Fromm:
„Ich habe den Riester-Vertrag damals abgeschlossen, weil meine zu erwartende Rente sehr gering sein wird. Ich bin alleinstehend und ich wollte auf jeden Fall etwas haben, was ich zusätzlich zu meiner Altersrente obendrauf gezahlt bekomme.“
Sie war überzeugt, dass sich die Riester-Rente in jedem Fall lohnt. Dann ergaben ARD-Recherchen, dass sie im Alter möglicherweise von ihrer sauer ersparten privaten Riester-Rente gar nichts hat. Und das ist der Zusammenhang:

Wer so wenig gesetzliche Rente bekommt, dass er davon nicht leben kann hat Anspruch auf staatliche Hilfe. Die so genannte Grundsicherung, also die Sozialhilfe im Alter. Hat er aber privat mit Riester vorgesorgt, so gibt es Riester nicht obendrauf, sondern der Staat zahlt entsprechend weniger Zuschuss zum Lebensunterhalt und Riester spart dem Sozialamt Kosten.
Der Wirtschaftsweise und Vater der Rentenreform Bert Rürup bestätigt das Problem und gibt jetzt zu, dass da wohl etwas schief laufe und korrigiert werden müsse.

Prof. Bert Rürup, Vorsitzender des Sachverständigenrates:
„Ein Problem bei der Riester-Rente besteht darin, dass ja … die Auszahlungen auf die Grundsicherung im Alter angerechnet werden. Und das bedeutet für Geringverdiener, die erwarten, dass sie ja auf die Grundsicherung im Alter angewiesen sein werden, dass es für die durchaus rational ist eben, keinen Riester-Vertrag abzuschließen, so generös sie auch immer gefördert ist.“
Wir fragen an beim VdK, dem Interessensverband der kleinen Leute. Der Vorsitzende Walter Hirrlinger hatte bislang ohne Einschränkung zum Riester-Sparen aufgerufen, weil er, wie auch viele andere Fachleute den Sachverhalt nicht kannte.

Walter Hirrlinger, Sozialverband VdK:
„Ich glaubte, das ist gar nicht so. Und die meisten, die eine Riester-Rente abschließen, glauben das auch nicht. Sonst würden sie die Riester-Rente nicht abschließen.“
Hirrlinger will es jetzt genau wissen. Wer ist von dem Problem eigentlich betroffen, ein paar wenige oder viele? Er fragt nach bei der Deutschen Rentenversicherung. MONITOR liegt das Papier exklusiv vor. Die brisante Modellrechnung: Schon für einen Durchschnittsverdiener lohnt sich Riester nicht, nämlich dann, wenn er 2030 in Rente geht und nicht mehr als 32 Jahre voll in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt hat. Das Problem betrifft also keine kleine Minderheit. Das Fazit der Rentenversicherung:

Zitat: „Je weniger Beitragsjahre ein Versicherter hat und je geringer in dieser Zeit seine Beiträge sind, desto weniger lohnt sich „Riestern“.

Wir gehen mit dem brisanten Papier zu Prof. Winfried Schmähl, einem der prominentesten Renten-Experten. Nach seiner Einschätzung könnte sich die private Riester-Rente in 15 bis 20 Jahren für Hunderttausende, möglicherweise für Millionen als Fehlinvestition herausstellen. Der Grund: Der Abbau des gesetzlichen Rentensystems.

Prof. Winfried Schmähl, ehem. Regierungsberater:
„Angesichts des sinkenden Leistungsniveaus in der gesetzlichen Rentenversicherung und der verringerten Möglichkeiten Ansprüche zu erwerben, zum Beispiel aufgrund von lang andauernder Arbeitslosigkeit werden wir wohl davon ausgehen können … müssen … leider, dass die Zahl sich deutlich erhöht und dann in die Millionen geht. Derjenigen, die tatsächlich dann Grundsicherung benötigen und für die die Riester-Förderung gewissermaßen sich in Luft auflöst.“
Heute privat „Riestern“, damit der Staat morgen Milliarden bei den Sozialleistungen einsparen kann? Kirsten Fromm wusste von diesem Zusammenhang nichts und wurde von ihrem Versicherungsberater auch nicht darauf hingewiesen.

Kirsten Fromm:
„Das wurde mir nie erzählt. Und hätte ich das damals gewusst, hätte ich die Riester-Rente mit Sicherheit nie abgeschlossen.“
MONITOR macht die Probe aufs Exempel. Bei der größten Versicherung, beim größten Versicherungs-Beratungsunternehmen und einer führenden Bank. Wir geben uns aus als typischer Geringverdiener, alleinstehend mit Kindern. Nirgends werden wir auf das Problem hingewiesen. Auszüge aus unseren Gesprächsprotokollen:

Das Versicherungs-Beratungsunternehmen:
Das kriegen Sie dann on top. Das kann Ihnen nicht weggenommen werden. Da hat der Staat sich selbst einen Riegel vorgeschoben.

Die Versicherung:
Riester ist Ihnen sicher. Das bekommen Sie auf jeden Fall dazu, egal ob Hartz IV oder Sozialhilfe.

Und die Landesbank:
Der Staat darf nicht sagen, ich zahle im Alter weniger Sozialhilfe wegen Riester, das kommt auf jeden Fall oben drauf.

Wirklich nur Einzelfälle und Unwissenheit der Berater, wie Banken und Versicherungen uns sagen? Oder gezieltes Verschweigen. Aufschlussreich ist die Antwort der BW Bank, warum in der Regel nur auf die Vorteile, nicht aber auf die Nachteile hingewiesen wird.

Zitat: „Gesetzgeber und Produktanbieter trennen diese Themen strikt, da es nicht deren Zielsetzung entspricht.“

Falschberatung mit System? Wird das Problem Altersarmut bewusst ausgeblendet?

Prof. Winfried Schmähl, ehem. Regierungsberater:
„Entweder hat man das … das wär‘ dann natürlich das Schlimmste, bewusst verschwiegen oder man wollte es einfach nicht wahrhaben, weil eben eine ganz bestimmte Politik durchgesetzt werden sollte. Und dieses wäre im Hinblick auf die Durchsetzbarkeit natürlich sehr störend gewesen.“
Unter der Überschrift Altersarmut vorbeugen fordert der Vorsitzende des Sachverständigenrates Rürup jetzt die gesetzliche Mindestrente. Wer „Riestert“ müsse das Geld in jedem Fall später zusätzlich in der Tasche haben. Er warnt.

Prof. Bert Rürup, Vorsitzender des Sachverständigenrates:
„Die Akzeptanz eines Rentensystems schwindet in dem Maß, indem für langjährig Versicherte durch Beiträge erworbene Anwartschaften keine hinreichende Distanz eben zur Grundsicherung haben. Das ist das Problem und da muss man sich beschäftigen mit.“
Wir gehen mit unseren Fragen zu Olaf Scholz von der SPD, dem verantwortlichen Arbeits- und Renten-Minister. Ein Kamera-Interview hatte er abgelehnt. Schriftlich heißt es, MONITOR habe ein falsches Verständnis vom Sozialstaat und vom Begriff Gerechtigkeit. Wir versuchen es noch einmal.

Reporterin:
„Warum klären Sie die Leute nicht auf, gerade die Geringverdiener? Warum beantworten Sie die Frage nicht?“

Und – wir werden abgedrängt.

Kirsten Fromm:
„Ich bin wirklich böse darüber, dass auch gerade Werbung betrieben wird mit Frauen natürlich, die Geringverdiener sind. Das heißt aus der Branche kommen wie zum Beispiel Friseurinnen und Verkäuferinnen, die auch genauso wie ich überhaupt nichts von der Riester-Rente haben werden.“

Werbespot der Bundesregierung:
„Die soll ja die langfristig vorgesehene moderate Absenkung des Rentenniveaus der zukünftigen Rentner in der gesetzlichen Rentenversicherung kompensieren.“
Aber genau das stimmt für viele nicht!

Sonia Mikich:
„Die deutsche Rentenversicherung hat heute Nachmittag reagiert und beschwichtigt. Viele Menschen hätten im Alter zusätzliche Einkommen, etwa aus Zinserträgen oder Mieten. Stimmt. Doch gerade Geringverdiener haben genau das meist nicht, weder vorm noch im Rentenalter.“

Quelle:
http://www.wdr.de/tv/monitor/beitrag.phtml?bid=928&sid=175

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Der Bundesverband procon e.V. mahnt schon seit Einführung dieses verkorksten Altersvorsorgemodells zur Vorsicht und empfiehlt, sich nicht von bunten Werbefilmchen und vordergründig verlockenden Steuervorteilen blenden zu lassen. Riesterverträge sind zur Alterssicherung nur sehr bedingt geeignet. Für die meisten Bundesbürger gibt es wesentlich attraktivere Angebote.

Viel Freude bei der Vermehrung der gewonnenen Einsichten,
wünscht Ihnen Ihr Finanzscout

Klaus J. P.-Kilfitt

www.klaus-kilfitt.de
www.klaus-kilfitt.blogspot.de

procontra© – kritische Informationen für aufgeklärte Verbraucher

Über Finanzscout

Klaus J. Pitter-Kilfitt, Unternehmensberater, Fachreferent und Buchautor, war über 2 Jahrzehnte CEO eines mittelständischen Finanzkonzerns und engagiert sich seit Jahren mit Hintergrundrecherchen und kritischen Finanzmarktanalysen für aktiven Verbraucherschutz.
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